Keine sexuellen Übergriffe im Sport: Hintergründe zu einem Tabuthema

Über sexuelle Übergriffe spricht man nicht, das Thema ist tabu. Und typisch für ein Tabuthema: Man weiss wenig darüber. Klar ist, dass es täglich und überall sexuelle Übergriffe gibt, auch im Sport. Nicht immer sind sie so spektakulär wie die Einzelfälle, die an die Öffentlichkeit gelangen, aber jeder einzelne Übergriff bedeutet für das Opfer eine seelische Verletzung! Deshalb stellt sich die SCAS diesem Thema, setzt dazu eine Arbeitsgruppe ein und bekommt Unterstützung von Swiss Olympic. Im Rahmen der Kampagne «Keine sexuellen Übergriffe im Sport» stellt Swiss Olympic umfangreiches Infomaterial bereit.

Das Thema geht uns alle an
Studien und die Erfahrung von Opferhilfestellen zeigen, wie verbreitet sexuelle Übergriffe sind. Weil repräsentative Befragungen heikel sind, stehen bis heute nur wenige Zahlen zur Verfügung, und es muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Mit Hilfe von Hochrechnungen und Annahmen können dennoch Aussagen gemacht werden. So erinnern sich 40% der Frauen und 17% der Männer an mindestens ein entsprechendes Erlebnis, und zwar unabhängig von sozialer Schicht, Bildung, ethnischer Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit.

Dennoch gibt es eine Gruppe, die speziell betroffen ist: die 10- bis 17-Jährigen. In dieser Altersgruppe trifft man am häufigsten auf Opfer von sexuellen Übergriffen. Dies hängt damit zusammen, dass für sexuelle Übergriffe oft Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnisse ausgenutzt werden. Ausserhalb der Familie entstehen solche Abhängigkeitsverhältnisse überall dort, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, so zum Beispiel auch in Sportvereinen.

Den typischen Täter gibt es nicht
Mädchen und Frauen erleben die Übergriffe in erster Linie in der Familie und im engen Bekanntenkreis; Jungen und Männer eher von Personen, mit denen sie ausserhalb der Familie zu tun haben. Das kann zum Beispiel ein Trainer sein, eine Trainerin oder eine sonstige Betreuungsperson in einem Sportclub. Was weniger zutrifft, ist das gängige Bild vom «bösen fremden Mann», der aus dem Nichts auftaucht. Es gilt die beklemmende Tatsache, dass Übergriffe vor allem im nahen Umfeld und wiederholt passieren, und dass sie weiter gehen, je enger die verwandtschaftliche Beziehung zwischen Opfer und Täter ist. Über diese Erkenntnis hinaus können Personen, die sexuelle Übergriffe begehen, nicht durch spezifische Merkmale beschrieben werden – «den Täter» gibt es ebensowenig wie «die Täterin». Eine Mehrheit der Täter sind Männer, in ca. 10-25% der Fälle gehen die Übergriffe von Frauen aus.

Wann spricht man von sexuellen Übergriffen?
Der Begriff «sexueller Übergriff» ist weit gefasst. Er beinhaltet jedes auf sexuelle Stimulation ausgerichtete Verhalten, das ohne das Einverständnis der betroffenen Person geschieht. Diese Definition muss enger gefasst werden, sobald Kinder oder Jugendliche unter 16 Jahren beteiligt sind. Hier gilt das Moment der Freiwilligkeit oder der Einwilligung, das zwischen zwei Erwachsenen zum Tragen kommt, nicht mehr. Das Spektrum der Vorfälle, die als sexuelle Übergriffe zu bezeichnen sind, ist damit immens und reicht von sexistischen Sprüchen bis zur brutalen Vergewaltigung.

Sexuelle Übergriffe im Sport
Zum Sport gehören Berührungen, und Sport löst Emotionen aus. Im Sport darf man auch mal aus sich herausgehen, darf hart kämpfen oder dumme Sprüche reissen. Zum anderen sind Trainer und Trainerinnen Vorbilder, die bewundert und schnell auch idealisiert werden. Das alles sind Voraussetzungen, die es den Tätern einfach machen.

Sexuelle Übergriffe nehmen auch im Sport ganz verschiedene Formen an:

…der Platzwart, der die Sportlerinnen beim Duschen beobachtet
…die Hilfestellung, die für einen unnötigen Griff zwischen die Beine genutzt wird
…die Jubiläumsrede des Vereinspräsidenten, gespickt mit sexistischen Sprüchen

Die Geschichten der Opfer lassen drei Konstellationen erkennen, die als Gefährdungsmomente im Sport bezeichnet werden können:

• Männliche Trainer mit einer pädophilen Neigung. Sie bauen eine Vertrauensbeziehungen zu einzelnen Schützlingen auf, die über das Training hinausgeht und oft auch die Eltern miteinbezieht. Ist das Vertrauen des Kindes einmal gewonnen, schreiten sie zum Übergriff. Weil dieses Verhaltensmuster oft doch auffällig wird, wechseln solche Trainer in kurzen Abständen von einem Verein zum nächsten.
• Junge Trainer sind sich oft ihrer Rolle und Verantwortung noch nicht richtig bewusst und können mit der sexuellen Attraktivität ihrer jugendlichen Schützlinge nicht umgehen oder deuten die Schwärmerei der Mädchen als Einladung zu sexuellen Handlungen. Es kann sich dabei auch um homosexuelle Übergriffe handeln und weibliche wie männliche Jugendliche treffen.
• Im Spitzensport bestehen vor allem in Einzelsportarten ausgeprägte Machtverhältnisse, die zur sexuellen Ausbeutung der betreuten Sportlerinnen und Sportler führen können.

Prävention als Chance
Sexuelle Übergriffe gibt es im Sport nicht mehr als anderswo – aber es gibt sie auch im Sport. Gegen sexuelle Übergriffe braucht es zwar Verbote und Gesetze, vor allem aber auch Prävention, und die funktioniert nur in kleinen, beharrlichen Schritten. Deshalb übernimmt der Schweizer Sport Verantwortung und bringt das Thema im Rahmen einer langfristigen Präventionskampagne auf den Tisch. Ziel ist die echte Auseinandersetzung in den Schweizer Sportvereinen und -verbänden. So kann die Prävention im Sport auch über den Sport hinaus wirken. Das möchten wir in der SCAS jetzt angehen.

Weitere Informationen

Eine Arbeitsgruppe wird das umfangreiche Material von Swiss Olympic bearbeiten und für Schwimmtrainer wichtige Informationen zusammenstellen. An der Mitarbeit interessierte Mitglieder können sich bei jedem Vorstandsmitglied melden!

Ansprechperson bei Swiss Olympic ist Adrian von Allmen, adrian.vonallmen@swissolympic.ch

Nachfolgend findet ihr drei Swiss Olympic-Infoblätter zum Einstieg ins Thema:

Acht_Massnahmen

Merkblatt_Vereinleitung_Trainer_Eltern_d

Merkblatt_TrainerInnen

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