Europameisterschaften 2010 in Budapest

Von den Europameisterschaften 2010 in Budapest berichtet SCAS-Coach Dirk Reinicke.

Nach kurzem Flug und Transfer erreichte die Schweizer Delegation drei Tage vor Wettkampfbeginn das Teamhotel, wo man erfreut feststellen konnte, daß auch noch die schwedische Mannschaft in dem nicht-offiziellen Hotel untergebracht war. So konnte auch dort ein wenig EM-Feeling aufkommen. Die Synchronschwimmerinnen waren bereits vor Ort, die Wasserspringer stießen am nächsten Tag dazu. Das Hotel liegt 1.5km vom Bad entfernt, wobei sich der Weg etwas schwieriger als vermutet gestaltete. Wegen Bauarbeiten an der Margaretenbrücke hielt der öffentliche Nahverkehr nicht mehr wie gewohnt in der Brückenmitte, womit die Benutzung desselben hinfällig wurde. Die ersten Tage gingen alle zu Fuß, was nicht bei jedem Anklang fand. Bald wurden jedoch Alternativen organisiert (Taxi auf Umwegen über die andere Seite der Margareteninsel oder Fahrrad), so daß die Athleten mehr oder minder problemlos zum Bad und zurück gelangen können. Einzig der hohe Publikumsverkehr auf der Brücke und die durch die Bauarbeiten bedingten äußerst engen Platzverhältnisse führten manchmal zu Staus mit erheblichen Wartezeiten. Ansonsten ist die Unterkunft samt Verpflegung sehr gut, es gibt auch einen Team-Raum, der ständig mit Zwischenmahlzeiten bestückt und rund um die Uhr offen ist. Hier werden auch die täglichen Teammeetings abgehalten.
Durch die Synchronwettkämpfe war das Wettkampfbecken nur zu sehr ungünstigen Zeiten zum Schwimmen freigegeben, so daß wir uns bis Sonntag mit dem Einschwimmbecken zufrieden geben mußten. Die Stimmung in der Mannschaft war positiv, die Wettkämpfe konnten beginnen. Einzig die Freiwasserschwimmer, die ebenfalls einen Tag später eintrafen, brachten ein paar Wehwechen mit.
Die Leistungen aus nationaler Sicht sind bekannt und bisher sicherlich nicht ganz zufriedenstellend. Die selbstgesteckte Zielstellung von 2 Final- und mehreren Semifinalteilnahmen kann nur noch sehr schwer erreicht werden. Die Leistungen um den 16. Platz herum liegen oft sehr dicht beieinander, kleine Zeitunterschiede bedeuten große Unterschiede in der Plazierung. Die Qualifikationsnormen des Schwimmverbandes liegen allerdings meist ziemlich in der Nähe des Halbfinaleinzuges, manchmal sind sie sogar etwas schneller, so daß jeder Athlet in seinen Hauptrennen eine reelle Chance auf eine Halbfinalteilnahme hat, wenn er seine Qualifikationsleistung bestätigt. Hervorzuheben ist hier die Leistung von Teamcaptain Dominik Meichtry über 200m Freistil, die er unter sehr ungünstigen Bedingungen schwimmen mußte, weil eine starke Magenverstimmung in der Nacht vor dem Rennen doch sichtbar Substanz kostete. Dominik konnte sich knapp fürs Halbfinale qualifizieren, wo er dann eines der beherztesten Rennen zeigte, die ich von einem Schweizer je gesehen habe. Die letzten 50 Meter waren pure Willenskraft, obwohl der Motor eigentlich stotterte, und es hätte auch kein Millimeter weniger Wille sein dürfen, sonst hätte er den Finaleinzug nicht geschafft. Am Abend war ihm die Ermüdung auch sehr deutlich anzusehen. Das Finale am nächsten Tag bestritt er dann ebenfalls äußerst couragiert und bewegte sich bis 25m vor Rennende auf den Medaillenplätzen, bevor ihn dann doch die Kraft verließ. So viel Leidenschaft und Einsatz würde ich gerne öfter zu Gesicht bekommen. Dieselbe Leidenschaft und dasselbe Selbstvertrauen strahlt er auch neben dem Becken aus. Flori, Co-Team Captain mit Dominik zusammen, war in der Vorbereitung durch eine Verletzung gehandicapt und kam in einem extrem engen Rennen nicht über einen 16. Platz hinaus. Ebenfalls mit einem Handicap ging Stefan Siegrist an den Start der 1500m Freistil, er hatte sich bei den Open-Water Rennen eine Infektion im Arm zugezogen, die medikamentös behandelt werden mußte, was schließlich doch seinen Tribut forderte. Martina Van Berkel konnte über die Nebenstrecken ihre Vorleistungen minimal verbessern, ein Sprung nach vorne gelang damit jedoch nicht. Ivana Gabrilo, ebenfalls über 100m Rücken in einem Zusatzrennen am Start, hatte mit schweren letzten 25m zu kämpfen und  war schließlich deutlich von ihrer Vorleistung entfernt.

Sehr fragwürdig ist, wie die LEN mit ihrem Sport umgeht. Im Zentrum der ganzen Veranstaltung sollten ja die Schwimmer stehen, und den Schwimmern am nächsten und mitverantwortlich für gute Leistungen sind die Trainer. Vor Ort gibt es keinen geeigneten Platz für Trainer, um die Rennen der Athleten zu verfolgen. Man wird entweder auf die Team-Tribüne verbannt, wo man die Anzeigetafel nicht ablesen kann und etwa 50m vom Start entfernt ist, oder man betrachtet das ganze von der anderen Seite von der Teamtribüne der Sprunganlage, bewacht von allen Ernstes schwer bewaffneter Polizei. Auch von hier (schräg hinter dem Start) kann man kaum geeignete Zwischenzeiten nehmen oder Start und Wende gut erkennen, ganz abgesehen vom Gedränge, da hier viele Coaches stehen. Unter den Trainern ist ein kleiner Wettkampf entbrannt, wer am besten welche Regeln brechen kann bzw. die Security umgehen kann, um an geeignete Plätze zu gelangen. Eine Ein Akkreditierung als Photograph würde allerdings Wunder wirken. (Heute wurde dann auch noch die Sprungtribüne für die Schwimmwettkämpfe geschlossen…)
Das ganze wurde offensichtlich im Technical Meeting im Vorfeld bereits angesprochen, die Reaktion der Verantwortlichen war ein Schulterzucken und der Hinweis, daß man weit über 100 Fotografen akkreditiert habe, die den Platz belegten… Man wird den Eindruck nicht los, daß hier mehr das Spektakel und der schnelle Rubel zählt als der tatsächliche Sport. LEN-Funktionäre sollten von ihrem Sport tatsächlich etwas verstehen, oder zumindest geeigneten Sachverstand einholen. Auch auf dieser Ebene würde ggf. eine europäische Trainervereinigung Sinn machen, bevor das Ganze weitere Auswüchse bekommt.

Aus Schweizer Sicht gestaltete sich der zweite Teil der Europameisterschaften in Budapest ordentlich. Stephanie Spahn hatte ihren ersten Einsatz an einem internationalen Event (sieht man mal von einem Multinations-Meeting ab) über 100m Brust. Ließ hier das Ergebnis noch Spielraum zu, so konnte sie am vorletzten Tag über 50m Brust mit ’neuem Schweizer Rekord‘ als 10. das Halbfinale erreichen. Tatsächlich ist sie bei den EDF Open in Paris die 100m 1/100s schneller angegangen, was zwar als internationaler Rekord gelten würde, wenn es einer wäre, aber nicht vom Schweizer Schwimmverband als Rekord anerkannt wird. Im Halbfinale war sie nur wenig langsamer, landete aber gleich 5 Plätze weiter hinten. Dominik Meichtry ließ nach den anstrengenden 200m Rennen diie 100m Freistil aus und trat nur noch über 100m Delphin an, wo er  in 53.64s einen neuen Schweizer Rekord schwimmen konnte. Es trennten ihn nur 15/100s vom Halbfinale, aber gleich 7 Plätze. Iris Matthey mußte über die 1500m ran, auch sie war von einem Zwischenfall beim Open-Water Schwimmen gehandicapt und mit Schulterproblemen versehen. Das Endergebnis (17:11 ) zeigt, daß sie das Problem noch nicht völlig überwunden hatte. Ivana Gabrilo hatte in 50m Rücken ein wenig Pech, als sie mit guter Vorlaufzeit von 29.69s als erste Reserve fürs Halbfinale klassiert wurde. Hier gab es auch keine Abmeldungen. Über 50m Freistil am Folgetag wurde sie mit einer mäßigen Zeit 46. Martina van Berkel hatte ihre Paradestrecke 200m Schmetterlin als letztes Rennen auf dieser EM. Im Vorlauf zeigte sie sich erneut recht nervös und mit uncharakteristischer Schwäche auf der zweiten Rennhälfte, konnte sich aber dennoch als 14. fürs Halbfinale qualifizieren. Hier konnte sie ihrer Nerven Herr werden und schwamm ein couragiertes Rennen genau in dem Teil, der am Morgen noch mißlang, und näherte sich in 2:10.52 bis auf 16/100s ihrem Rekord aus dem Vorjahr. Das brachte ihr einen guten 11. Rang ein.

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