Tendenzen der Europameisterschaften 2010

Nachfolgend eine Analyse unseres Kollegen Dirk Reinecke von den Europameisterschaften 2010 in Budapest und eine kurze Zusammenfassung zur Coaches Clinic mit Referent Vladimir Issurin (ISR) zum Thema ‚Block Periodization: Scientific Concept and Implementation‘.

Auffallend war zumindest für mich das hohe Niveau der Wettkämpfe. Vergleicht man die letzten drei Europameisterschaften miteinander, so war der Cut fürs Finale in fast allen Rennen in diesem Jahr am härtesten. Einzige mir aufgefallene Ausnahme waren die 200m Delphin der Herren. Besonders große Entwicklungen gab es bei den 50m Strecken, wo Zeiten, die zum Teil in den Vorjahren eine deutlichen Finalqualifikation ermöglichten, knapp oder nicht einmal mehr fürs Halbfinale reichten. Der Trend läßt sich aber auch für 100 und 200m Strecken feststellen. Oft war auch die Dichte um den 16. Platz enorm (s. Meichtry 100m Delphin).

Superstar der Meisterschaften war ohne Zweifel der Franzose Camille Lacourt, der sicherlich beste Rückenschwimmer aller Zeiten, der einen Europarekord und einen Fast-Weltrekord aufstellen konnte, und das in Jammern. Die Franzosen waren die Mannschaft der Stunde, auch wenn im Team lange nicht alles glatt lief. Recht überraschend verlor man die 4x100m Freistil Staffel gegen Rußland, und manches der vermeintlichen Asse stach nicht.

Die Ungarn nutzten den Heimvorteil und die fantastische Stimmung zu einem hervorragenden Mannschaftsergebnis und  ein Cseh Laszlo (wie er dort heißt) in Nicht-Topform stellt einen zähen Gegner dar. Hier zeigen sich die Ergebnisse der in Ungarn noch recht neuen Politik, auch die zweite Reihe der Schwimmer zu fördern.

Die Briten nutzten den Wettkampf als Durchgangsstation für die Commomwealth Games und traten nur teilvorbereitet an, mit teils erstaunlichen Ergebnissen. So war zum Beispiel Liam Tancock nicht rasiert und schwamm dennoch hevorragende Zeiten.

Für mich auffallend auch die im Mittel nicht sehr starken Leistungen der Deutschen Mannschaft. Die technische Ausbildung der Sportler ist oft auffallend schlecht, der Fitnessgrad dafür hoch.

Überhaupt sah man einige Schwimmer in Halbfinal- und Finalläufen, die technisch recht limitiert waren (will heißen: Europameisterschaften sind für viele möglich, auch für die Nicht-Supertalente).

Kleine Nationen sind auch auf Europäischer Topebene auf dem Vormarsch. so hat der dreimalige JEM Gewinner von 2008, Pal Joensen von den Faroer-Inseln, über 1500m Freistil in einer sehr ansprechenden Zeit seine ersten Medaille im Elite-Bereich gemacht. Pal trainiert auch tatsächlich auf den Faroer-Inseln, wo es nur 25m Becken gibt. Die wertvollste Schwimmleistung seines Landes gelang auch Laurent Carnol aus Luxemburg, das damit an eine erfolgreiche JEM-Präsentation in den letzten beiden Jahren anschließt. Im Halbfinale schwamm er eine Zeit, die bisher bei jeder EM für eine Medaille gereicht hätte, im Finale belegte er den 5. Rang. Dänemark konnte an die hervorragende WM vom letzten Jahr in Teilen anschließen, die Arbeit  von Paulus Wildeboer wirkt nachhaltig. Schweden hatte rund um zwei Urgesteine eine hervorragende EM, Lars Frolander (immerhin 36 Jahre alt) konnte fast an seine Bestleistungen der OS in Sydney anschließen und war ein wichtiger Teil in den Staffeln. Therese Alshammar, auch schon 33, gewann nicht nur wie erwartet über 50m Freistil und Delphin, sondern trat auch über die von ihr selten gesehene doppelte Delphin-Distanz an, ebenfalls mit einer Medaille und hervorragender Bestzeit. Die jüngeren Schwimmer im Team konnten ebenfalls mit guten Ergebnissen auf sich aufmerksam machen. Weniger durch die Medaillenbilanz, aber in der Breite durchaus beeindruckend die wie immer sehr relaxed auftretenden Holländer. In steter Regelmäßigkeit schaffen sie es, mit beschränkten Mitteln durch gezielte Analyse aus mittelmäßigen Athleten Europäische Spitzensportler zu machen. Wahrscheinlich haben sie die geringsten Kosten pro Medaillen der EM.

Coaches Clinic

Wie üblich wurde während der Europameisterschaften eine Coaches Clinic angeboten. Sprecher war Vladimir Issurin (ISR) zum Thema ‚Block Periodization: Scientific Concept and Implementation‘. Der Titel des Vortrages versprach mehr, als er hielt. Das ganze hätte wohl in 5 Minuten wesentlich effizienter erklärt werden können.

Zusammengefaßt: Um das Training an die vermehrten Höhepunkte in einer sportlichen Saison anzupassen, werden Blöcke verwendet, die alle einen ähnlichen Aufbau haben, aber unterschiedliche Länge haben können (4 bis 10 Wochen). Jeder Block enthält eine allgemein Phase (Grundlagenarbeit), eine spezifische (Renntempo) und eine Aktivierungs / Taperingphase. Das ganze wird in unterschiedlichen Sportarten angewandt, Beispiele gingen vom Hammerwerfen bis zum Rudern.

Innerhalb einer Phase eines Blocks sollte nicht gemischt trainiert werden, sondern nur jeweils eine Intensität (dieser Punkt sorgte später für einige Diskussionen).

Völlig fehlten sowohl die wissenschaftliche Untermauerung als auch Praxisbeispiele, so daß die meisten eher unbefriedigt nach Hause gingen.

Dieser Beitrag wurde unter Internationale Meisterschaften, Wettkampfanalysen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar