Aufbruch im Niemandsland?

Bei Swiss Swimming häufen sich die Anzeichen auf einen Wechsel: Reicht es für Olympia 2016?

Das Schweizer Schwimmen befindet sich, beinahe wie mitte der Neunzigerjahren nach „La Suisse Gagnante“ (Halsall, Volery, Dagon, Armentero), im internationalen Niemandsland. Ohne den vereinzelten Erfolgen von unseren Spitzenschwimmern ungerecht zu werden: Wir haben uns über jede internationale Halbfinalquali gefreut als wäre es eine Medaille. Wir sind zurecht stolz auf Medaillen der Junioren- und Jugendschwimmer, sie aber an erster Stelle als Höhepunkt eines Sportjahres erwähnen zu müssen, zeigt, wie weit weg wir sind vom Mittelpunkt des Geschehens. Seit Rigamontis und Meichtrys Rücktritt wird kein Schweizer mehr genannt als Medaillenkandidat, und die internationale Sprintkonkurrenz fürchtet keinen Flori Lang, Remo Lütolf oder Karel Novy mehr. Damit ist aber genug Negatives gesagt, denn für den Autor dieses Artikels ist klar: Die Ausgangslage ist besser geworden.

Gute Basis von begabten Schwimmern

Nun häufen sich die Anzeichen, dass die Schwimmer bereit sind, einen neuen Weg einzuschlagen. Und die Voraussetzungen dafür sind günstig. Beginnen wir mit einer Auslegeordnung unserer Schwimmer. Danielle Villars, Martina van Berkel und Yannick Käser als Olympiaerfahrene, sowie Svenja Stoffel, Alexandre Haldemann, Jéremy Desplanches, und Nils Liess erfüllen das Profil einer Olympiamannschaft 2016. Dank rechtzeitiger Einbürgerung können noch Maria Ugolkova und Sasha Touretski hinzukommen. Die Resultate in Kazan sind entscheidend für diese begabte, aber ungekrönte Generation von Schwimmern, die zwar gut, aber nicht brillant ist, die zwar schneller schwimmt als die Generation vor ihnen, aber keine Medaillen holt, international den Status als Mitschwimmer geniesst und selten von der Konkurrenz gefürchtet wird. Nur wer in Kazan in die zweite Runde kommt, darf mehr erwarten in Olympia als eine Erfahrung auf höchstem Niveau. Haldemann und Desplanches zeigten im Frühjahr die beste Entwicklungskurve. Diese ist zwingend fortzusetzen, wollen sie in Kazan ihr Profil schärfen, um in Rio auf der Startliste von der Konkurrenz wahrgenommen werden.

Interessante Supportsituation

Ermutigend ist auch die gute Betreuung dieser Schwimmer. Nebst Desplanches‘ Mentor Fabrice Pellerin, französische Trainerikone mit 2 Olympiasiegern aus seiner Trainingsgruppe in London 2012, dürfen wir auf Haldemanns Betreuer Jean Lagier vertrauen, welcher die einzige Schweizer Schwimm Weltmeisterin über 5km 2011 Swann Oberson auch schon im Jahre 2008 zu einem Olympiadiplom gebracht hat. Dirk Reinicke führt die Schweizer Mannschaft in Rio an. Er verfügt über die Erfahrung von Olympia 2012 und sollte mit der ebenfalls olympiaerfahrenen Danielle Villars in der Lage sein, erfolgreiche Spiele zu zeigen. Er ist als Leading Coach auch entscheidend, um die Kontakte zu den ausländischen Mitarbeitern optimal zu gestalten. So für den USA Protege Yannick Käser oder seine Schwimmerin Martina Van Berkel (Heidelberg). Auch die Schweizer Enklave Tenero soll integriert werden. Dabei unterstützt der scheidende Chef Leistungssport, zukünftiger Beauftragter Leistungszentrum des BASPO, Chef de Mission Aquatics in Rio und Vater des potentiellen Olympiateilnehmers Nils Liess tatkräftig. Auch Guennadi Touretski, auf dessen Expertise seine Tochter Sasha setzt, wird im Support Team dabei sein. Jüngere Coaches bereichern die Gruppe um die potentiellen Olympiaschwimmer, so wie Luka Gabrilo, welcher Svenja Stoffel und Nils Liess betreut oder Pablo Kutscher (Maria Ugolkova) vom Traditionsverein Uster-Wallisellen. Ausserdem kann man erwarten, dass die riesige Erfahrung von Flemming Poulsen als Liechtenstein Verantwortlicher hinzukommt.

Ist man sich dieser überaus erfolgsversprechenden Situation einmal bewusst, ist eine erfolgreiche Olympiamission der Schweizer mehr als nur denkbar.

Erlauben sie mir eine optimistisch-realistische Olympiaansage. (Einige der Voraussagen werden gestützt durch die Resultate der zur Zeit laufenden Mare Nostrum Tour, einer eigentlichen Mini WM, einige der erwähnten Schwimmer bestätigen, dass sie in Tuchfühlung sind mit der Weltspitze.)

Sasha Touretski: Die frisch eingebürgerte Touretski verfügt über einen interessanten Karriereverlauf, der genau dann beschleunigte, wenn die meisten anderen Altersgenossinnen auf dem ersten Leistungsplateau ankommen. Zwar präsent im Nachwuchs Schwimmen, aber mit ihrer australischen Staatsbürgerschaft nicht im Visier der Swiss Swimming Nachwuchsarbeit, wurde sie von ihrem Vater langsam an ihr Leistungsvermögen herangeführt. Sie hat einen Schritt in Richtung internationale Elite gemacht, letztes Wochenende in Bellinzona gar ihren ersten Schweizerrekord aufgestellt. Jede Hundertstelsekunde, die sie sich bis nach Rio verbessern kann wird sie näher an ein Halbfinale über 50 Freistil heranführen.

Danielle Villars: Danielle verfügt nun über genug Reife, um in Rio zu brillieren. Sowohl über 100 wie 200 Delfin sind Halbfinalchancen intakt. Eine durch und durch professionelle Vorbereitung ist dafür Voraussetzung, Kompromisse zugunsten von nichtsportlichen Aktivitäten werden auf diesem Niveau sofort bestraft. Die vielseitige Schwimmerin ist auch für ein Staffelprojekt wichtig.

Martina Van Berkel: Sie kann die Funktion übernehmen der Teamleaderin. So oft hat sie für die Nationalmannschaft die Kohle aus dem Feuer geholt. Ihre Expertise wird sie vollumfänglich ausspielen müssen, um gegen die jüngeren Generationen zu bestehen. Mit einem Supervorlauf liegt über 200 Delfin die Halbfinalquali drin.

Maria Ugolkova: Ist noch die grosse Unbekannte, ihr Einbürgerungsverfahren ist noch pendent. Sie besitzt ein enormes Potential und als potentiell eingebürgerte Schweizerin könnte sie hier ihren Traum von Olympia verwirklichen, der ihr bisher als Russin verwehrt blieb. Sie muss bereits diesen Sommer Olympianiveau erreichen und dann mit dieser enormen Genugtuung für die Schweiz punkten. Die Delfinstrecken sind stark besetzt, sie könnte auch über 100, 200 Freistil zuschlagen. Eine Halbfinalquali ist sehr, sehr schwierig, sie kann aber auch eine Schlüsselposition in einer Staffel wahrnehmen.

Svenja Stoffel: Diesen Januar war Svenja beeindruckend schnell unterwegs. Ihre 59.4 Sekunden auf 100 Delfin waren top, danach erreichte sie nur noch eine kleine Steigerung im Frühling. Wären die 50 Delfin olympisch, Svenja wäre bestimmt dabei. Nun stellen sich der jungen Churerin einige Hürden in den Weg. Sie muss die Quali über die für sie lange 100 Meter schaffen. Sie muss sich gegen starke interne Konkurrenz durchsetzen: Villars, Ugolkova, sogar Touretski und van Berkel sind starke Kandidatinnen, die alle einen starken Delfin-Background haben und über mehr Erfahrung verfügen als sie. Ihre Stärke ist die überlegene Schnelligkeit. Sie kann an Olympia wichtige Erfahrungen sammeln und hat als Jüngste der Olympiakandidatinnen sicher noch ein grosses Steigerungspotential.

Yannick Käser: Käser war nach den olympischen Spielen 2 Jahre abgetaucht. Technikveränderungen nach seinem Umfeldwechsel in die USA haben zu sehr schwachen Leistungen geführt. In Genf hat er sich eindrücklich zurückgemeldet, stärker denn je. Er hat dort zugelegt, wo er sich als 200 Meter Brustspezialist am meisten verbessern musste. Er verfügt nun über die nötige Grundschnelligkeit, um das horrende Anfangstempo der Weltspitze mitgehen zu können. Ich kann mir eine Halbfinalquali durchaus vorstellen.

Nils Liess: Alle Nachwuchs Medaillen zählen nun nicht mehr. Für Nils gilt es nun, in der Elite anzukommen. Als 22. im aktuellen Europaranking mit seiner Schweizer Rekordleistung in Malaga hat er dazu hervorragende Voraussetzungen. Er kann mit Selbstvertrauen die Dinosaurier dieser Disziplin von den anderen Kontinenten aus Afrika (Chad Le Clos), Japan, Australien und den USA annehmen. Als Rookie sollte man ihm zwar eine Erfahrungsolympiade zugestehen, seine Ausgangslage für eine Halbfinalquali ist aber realistisch. Ein guter Sommer 2015 würde ihm dabei viel helfen.

Jéremy Desplanches: Die Ausgangslage für ihn ist ähnlich wie für Nils. Es ist beeindruckend, dass Jéremy in seiner Wahlheimat Frankreich der beste Lagenschwimmer ist. Er ist als 19. (400 Lagen) und 24. (200 Lagen) im aktuellen Europaranking so gut im Rennen, dass er mit seiner Entourage in der Lage sein sollte Top 16 Platzierungen in Rio zu erreichen. Ich wage an dieser Stelle einmal eine Ansage: Ein Olympiafinal mit Jéremy ist möglich, wenn alle Beteiligten am gleichen Strick ziehen. Jéremy braucht jeden Support aus Nizza, Genf und Swiss Swimming.

Alexandre Haldemann: Er ist der dritte Genfer im Bunde, der kurz vor den Toren der Grossen Freistilschwimmer der Welt steht. Beeindruckend seine Unterwasserskills, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen, ermutigend seine Fortschritte auf der langen Bahn in der laufenden Saison. Coach Jean Lagier wird Alexandre viele Rennmöglichkeiten bieten müssen, denn Hundertstelsekunden werden über sein oder nicht sein entscheiden. Es herrscht einstimmig die Meinung unter Coaches, dass Alexandre noch viel Potential hat. Sein smarter, individueller Weg, den er zusammen mit seinem Coach geht, könnte in Rio in einem Spitzenergebnis enden. Denn wer in Rio im Halbfinal steht, kann es auch ins Finale schaffen. Auch hier wird der Unterschied ausgemacht, ob sein Weg von allen Seiten unterstützt wird.

Aussenseiterchancen für eine Quali sieht man bei Lukas Räuftlin, dem 200 Meter Rücken Rekordhalter, Martin Schweizer, 50 Brust Rekordhalter und Nico van Duijn, 100 Meter Delfin Rekordhalter.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.