Wie fit muss ein Schwimmcoach sein?

Neulich traf ich mich mit Trainerkollegen im Restaurant. Ich bin auf Diät und machte mir Gedanken, ob es nicht ein bisschen peinlich aussieht, wenn ich mir Kürbissuppe und Geflügelsalat bestelle. Und dann geschah etwas ungewohntes: Coach F bestellte den Skinny Burger, Coach G einen Salat und Coach D Fisch mit Gemüse.  Als ich mir meine Berufskollegen dann genauer anschaute, so ähnlich wie ich meine Schwimmer scanne nach einer Trainingspause, stellte ich fest, dort weniger Bauch, da schlankere Beine und schmalere, gesündere Gesichter. Was ist da los? So kam mir die Idee für diesen Artikel: Wie fit muss ein Coach sein?

Fit sein bedeutet hier: Nicht übergewichtig, gesund, bewegungsfreudig, mehr nicht. Natürlich ist die Frage „Wie fit muss ein Coach sein?“ durchaus mit einem Schmunzeln gestellt. Es ist klar, dass aus der Sicht eines Champions die sportliche Fitness seines Coaches irrelevant ist, sofern er die für ihn nötigen Fach- und Sozialkompetenzen mitbringt. Vergessen wir aber nicht, dass die Vorbildfunktion eines Coaches unbestritten ist.

Erwachsene Menschen haben viele Fehler und ein Coach darf sie auch haben. Aber: Kann ein rauchender Trainer Vorbild sein? Kann ein übergewichtiger Coach, der selber kaum mehr als ein paar Meter das Becken rauf und runtergeht, seine Schwimmer zum Jogging motivieren? (Für viele Schwimmer ist Lauftraining Höchststrafe) Oder etwas ernster noch: Kann ein alkoholkranker Trainer gut unterrichten? Ja er kann, denke ich, sofern er darlegen kann, warum die Schwimmer dies tun sollten, dass sie es nicht für ihn tun, sondern weil sie den Trainingsprozess verstehen und akzeptieren. Immerhin aber stehen Coaches nicht irgend einer Bank oder einem Büro vor, sondern verkörpern gesunden Sport in ihrer Gemeinde für Kinder und Jugendliche.

Wenn ich ein bisschen zurückdenke, wie fit meine Coaches waren und welche Tendenzen ich wahrnehme heute, wird es interessant. Mein Nachwuchstrainer joggte mit uns und war nicht selten im Wasser anzutreffen. Mein erster Trainer war (und ist bis heute) ein durchtrainierter Athlet, Typ Mr. Fitness. Er war immer nur mit Badehosen bekleidet, in den 80er Jahren waren das noch echt knappe Dinger. Selbst Coach W, mein erster professioneller Coach, stellte nur langsam sein Outfit um vom Schwimmer mit Badehose zum Coach mit Shorts und T-Shirt. Heute ist er zwar immer noch schlank, trotzdem würden ihn die Leute wohl komisch anschauen, wenn er in den Badehosen auftreten würde. Er ist heute einer der weltweit angesehensten Topcoaches. OK, wir sind uns einig, Sportkleidung ist für einen Trainer ebenso Pflicht wie aktive Unterstützung im Training für seine Athleten. Als Coach mittrainieren ist meistens keine gute Lösung, denn dafür sind wir nicht bezahlt.

Dann kamen in der Schweiz ein paar Trainer-Schwergewichte, die erfolgreiche Jahre des Schweizer Schwimmsports prägten. Ja, Schwergewichte waren sie, Coach G aus Uster beispielsweise, Coach F aus Zürich oder Coach A aus Basel auch. Coach C aus Lugano war zwar weniger rund, wirkte trotzdem etwas unfit. Was nun? Erfolgreiche Trainer können halt doch ihre Stoppuhr auf ihrem Bauch ablesen, schien mir und schon war ich als Jungtrainer unterwegs, jährlich ein paar Kilos draufzulegen. Das geht auch wirklich einfach, das mit dem Zunehmen. Speziell im Trainingslager, wo man dreimal täglich neben heisshungrigen Athleten sitzt, die 10-15 Kilometer schwimmen, joggen und Krafttraining betreiben. Sicher gibt es eine Ursache, dass es doch viele übergewichtige Ex-Schwimmer gibt. Wir wechseln das Leben vom aktiven Sportler oft ruckartig zum körperlich passiven Trainer, Berufsmann. Noch sind es die Trainer gewohnt, durch ihren hohen Energieverschleiss als Aktivsportler grosse Essmengen zu vertilgen, eine Gewohnheit, die über viele Jahre angelernt wurde. Nicht einfach, dieses Schema zu brechen. Nun beobachte ich einige jüngere Coaches, die den Wechsel vom Athleten zum Trainer besser meistern, viele von Ihnen sind gar in einem Sportverein. Hier kommt noch ein weiterer, wichtiger Faktor dazu: Spass und soziale Aktivität in einer Gruppe gleichaltriger Leute. Das ist Gold wert für eine Berufsgruppe, die eher Einzelkämpfer sind.

Coach F sagte mir neulich, dass es eigentlich nichts anderes als normal wäre, dass wir auch ein bisschen Fitness und gesundes Ernährungsverhalten mitmachen mit unseren Athleten. Vielleicht würde das Image der Schwimmtrainer ein wenig aufgewertet, wenn fitte Frauen und Männer am Beckenrand stehen würden. Oft ist es für aussenstehende Leute schwer nachvollziehbar, worin unsere Arbeit besteht, ausser dass wir die Kinder auf und ab schwimmen lassen. Nun, wir sind uns einig, geistig müssen Coaches fit sein und zwar auf höchstem Niveau. Da leistet körperliche Fitness einen positiven Beitrag. Und ich gebe zu: Letzthin im Trainingslager war ich froh, als ich Coach S vorschicken konnte fürs Lauf- und Fitnesstraining, er war schlicht glaubwürdiger als ich beim unterrichten. Der beste Schwimmer der Gruppe hat trotzdem nicht gut mitgemacht, aber die Gruppe zeigte ein gutes Training.

Kein Champion schwimmt schneller, wenn sie einen speziell durchtrainierten, ernährungsbewussten Coach an ihrer Seite haben. Trotzdem schadet es wohl nicht, wenn Coaches die einfachen Formeln der Energiebilanz nicht ganz ausser Acht lassen. Wer sich ein bisschen bewegt, wer auch im Trainingslager und an den Wettkämpfen nicht mit seinen Athleten um die Wette isst, wird sich wohl eher fit und zufrieden fühlen. Zumindest langfristig. So sind die Trainerkollegen, mit denen ich letzthin im Restaurant sass, noch immer Schwergewichte. Aber immer weniger in Kilos und Bauchumfang, sondern in ihrer Arbeit am Beckenrand.

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